WEITERBILDUNG „TRAUMAPÄDAGOGIK“

Die Modulare Weiterbildung umfasst 14 Fortbildungstage in 5 Modulen mit Zertifikat „Traumapädagogin“ bzw. „Traumapädagoge“ für Pädagoginnen und Pädagogen, Theologinnen und Theologen sowie Deeskalationstrainerinnen und Deeskalationstrainer.

MODUL 1:

Grundlagen der Psychotraumatologie und Traumapädagogik

MODUL 2:

Stabilisierungsarbeit

MODUL 3:

Bindung, Bindungstraumatisierung, bindungsorientierte Pädagogik

MODUL 4:

Strukturelle Persönlichkeitsveränderungen nach Extremstress

MODUL 5:

Konzept der Traumapädagogik und Zertifikatsübergabe

Beginn jeweils am ersten Tag 10 Uhr Ende in viertägigen Modulen gegen 15 Uhr, in zweittägigen gegen 17 Uhr.

Leitung:
Sabine Haupt-Scherer


 

 

Zertifizierung 2017
Path 2
12 neu zertifizierte Traumapädagoginnen

„Diese Fortbildung hat meinen Umgang mit „schwierigen“ „verhaltensauffälligen“ Kindern total verändert. Schade, dass ich das nicht eher gelernt habe. Ich bin viel gelassener geworden, ich fühle mich weniger angegriffen, ich geh jetzt einfach davon aus, dass die Kinder einen guten Grund haben, so zu reagieren, auch wenn der vielleicht in der Gegenwart nicht sichtbar ist, sondern aus der Vergangenheit kommt.“
Das war das Fazit einer von 12 Teilnehmerinnen nach 14 Fortbildungstagen in fünf Modulen. 12 Frauen wurden am 22.6.17 zertifiziert von Pfarrerin Sabine Haupt-Scherer, die diesen Ausbildungskurs geleitet hat, der im Amt für Jugendarbeit mit Unterstützung der Gewalt Akademie Villigst stattgefunden hat. Landesjugendpfarrer Udo Bußmann und Dieter Frohloff für die Gewalt Akademie übergaben die Zertifikate. Die Teilnehmerinnen arbeiten in Schulen, Heimen, in der Bewährungshilfe, in der Betreuung von minderjährigen unbegleiteten Geflüchteten und als Deeskalationstrainerinnen. In ihren Trainings, so berichten sie, hat sich die Auswahl der Übungen noch einmal verändert mit dem Versuch, sie passgenauer an einzelne Kinder anzupassen. Der Satz: „Gerechtigkeit ist nicht, wenn alle das gleiche bekommen, sondern wenn jede und jeder das bekommt, was er oder sie braucht“, war wichtig in der Fortbildung und wirkt fort.

Die Nachfrage nach Fortbildungen in diesem Bereich ist hoch. Traumawissen nicht nur in der Therapie, sondern auch in der Pädagogik anzuwenden, wird zunehmend wichtig, weil Kinder immer mehr Zeit in pädagogischen Kontexten verbringen.

11 neue Traumapädagoginnen und Traumapädagogen zertifiziert

Am 14.6.18 wurden in Villigst 11 neue Traumapädagoginnen und Traumapädagogen zertifiziert. Ein Dreivierteljahr haben sie sich in 5 Modulen, Kleingruppen und einer Hausarbeit mit dem auseinandergesetzt, was überfordernde Belastungen und Bedrohungen für Menschen bedeuten können, was sie für Folgen im Denken, Fühlen und Verhalten hinterlassen, und wie man diese Menschen angemessen unterstützen kann. „Die Fortbildung war ein Meilenstein in meinem Leben. Ich habe nicht nur für meine Arbeit, sondern auch für mein eigenes Leben profitiert“, war das Resümee einer Teilnehmerin. Sabine Haupt-Scherer als Referentin des Amtes für Jugendarbeit der EKvW hat zum dritten Mal diese Langzeitfortbildung in Kooperation mit der Gewaltakademie Villigst angeboten, weil zunehmend deutlicher wird, dass Kinder und Jugendliche mit traumatischen Erfahrungen darauf angewiesen sind, auf Erwachsene zu treffen, die sie verstehen und angemessen begleiten.  Das betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen, sondern auch Kinder, die in der Familie häusliche Gewalt erfahren, die unter Mobbing und Demütigungen in der Klasse leiden oder schmerzhafte medizinische Behandlungen über sich ergehen lassen müssen. Die Absolventinnen des Kurses arbeiten als JugendmitarbeiterInnen, als SchulsozialarbeiterInnen,  als DeeskalationstrainerInnen der Gewaltakademie, in Jugendämtern, Präventionsstellen der Polizei und in der Begleitung von jungen Menschen, die das Diakonische Jahr machen.

Zertifiziert wurden Dirk Ackermann, Susanne Bald, Sonja Dombach, Christiane Gladen, Sonja Hillebrand, Andrea Klein, Petra Koller, Andreas Leifeld, Katharina Rauhut, Ute Schmutzler-Frohwitter und Sascha Wegener.

14 neue Traumapädagoginnen und Traumapädagogen zertifiziert

Am 23.5.2019 hat Landesjugendpfarrer Udo Bußmann in Haus Villigst (Schwerte) zum 4. Mal 14 neu ausgebildete Traumapädagoginnen und –pädagogen zertifiziert. Hauptamtliche Jugendmitarbeitende, Lehrerinnen und Lehrer, Mitarbeitende aus Heimerziehung, Förderstellen und Kliniken haben sich in 5 Modulen 14 Tage lang mit der Frage auseinandergesetzt, welche Folgen überfordernde Belastungserfahrungen, Schockerlebnisse und belastende Aufwachsbedingungen, Gewalt und Vernachlässigung für Kinder und Jugendliche haben, und wie man sie unterstützen kann, wieder Zufriedenheit und Kontrolle in ihrem Leben zu finden.

Vermittelt wurde beispielsweise, dass über Stresshormone von traumatischen Erfahrungen tatsächlich die Struktur im Gehirn verändert wird, was gravierende Folgen für das Denken, Fühlen und Verhalten von Kindern und Jugendlichen haben kann. Sie fallen immer wieder in alte Gefühle zurück, können Aggressionen nicht gut steuern und haben später ein erhöhtes Risiko für Sucht- und Herzerkrankungen. Auch das Risiko, all das an die eigenen Kinder weiterzugeben ist groß.

„Inzwischen weiß man aber auch, dass schon wenig Unterstützung diese fatale Entwicklung umkehren kann. Manchmal reicht schon eine aufmerksame Lehrerin, die das Kind versteht und traumasensibel begleitet, ein Jugendmitarbeiter, der dem Jugendlichen Gehör schenkt und ihm hilft, seine Gefühle zu verstehen und zu regulieren oder Hilfsangebote für Eltern und Familien.“, formulierte Ausbilderin Sabine Haupt-Scherer, Pfarrerin im Amt für Jugendarbeit. „So müssen sich Geschichten nicht wiederholen, und es können neue Geschichten geschrieben werden.“

Die nun zertifizierten Traumapädagoginnen und Traumapädagogen haben gelernt, traumasensibel auf auffälliges Verhalten zu schauen und unterstützend zu handeln. Sie können damit im Leben von traumatisierten Kindern und Jugendlichen den entscheidenden Unterschied machen und sowohl schlimme Folgen mindern als auch die Weitergabe an die nächste Generation verhindern helfen. „Traumapädagogik ist ein Beitrag für eine bessere Gegenwart und eine friedlichere Zukunft“, so Haupt-Scherer. Oder, wie es Volker Kohlschmidt, Referent der Gewalt Akademie Villigst, in seiner Ansprache sagte: Traumapädagogik hilft die Würde des Menschen wiederherzustellen, die im Trauma beschädigt wurde.

Für die Teilnehmenden geht mit der Zertifizierung ein anstrengendes und spannendes Dreivierteljahr zu Ende. Neben schweren Themen und der Trauer über die Not vieler Kinder wurden immer wieder auch Themen aus der eigenen Lebensgeschichte berührt. Am Ende standen schriftliche Hausarbeiten und Gruppenpräsentationen. Dabei sind viele gute Materialien entstanden, mit denen alle weiterarbeiten können: Schulungskonzepte, Schatzkisten und Notfallkoffer für psychische Krisen von Kindern und Jugendlichen und ein Bilderbuch für traumatisierte Kinder.

Die Teilnehmenden gehen mit vielen neuen Erkenntnissen gestärkt in ihre Arbeitsfelder zurück. „Schon der Einführungstag Traumapädagogik war für mich ein Augenöffnertag“, sagte eine Teilnehmerin, „an dem mir klar geworden ist, wie oft ich es schon mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen zu tun hatte!“. Eine andere Teilnehmerin berichtete: “Ich kann jetzt Kinder verstehen, die mich früher nur irritiert und geärgert haben. Hier habe ich gelernt: Die Kinder haben einen guten Grund für ihr schwieriges Verhalten, und der liegt in ihrer Vergangenheit. Das macht das alles nicht schön, aber es lässt mich gelassener bleiben und neue Lösungen finden.“

Die frisch gebackenen Traumapädagoginnen und Traumapädagogen arbeiten jetzt wieder beim CVJM, in der gemeindlichen Jugendarbeit, in Schulen, Kinderheimen, in Kliniken und Beratungsstellen, als Deeskalationstrainer und Pflegeeltern. Sie alle tragen nun aktiv dazu bei, traumatisierte Kinder zu stärken und ihnen Mut für ihre Zukunft zu machen.

Der nächste Fortbildungskurs Traumapädagogik im Amt für Jugendarbeit in Kooperation mit der Gewalt Akademie Villigst startet im Oktober 2019, ist aber bereits ausgebucht. Sobald der Termin für 2020 vorliegt, gibt es eine Mitteilung auf unserer Homepage. 

14 neue Traumapädagoginnen und Traumapädagogen zertifiziert

„Es gibt Menschen, für die ihr den entscheidenden Unterschied macht in ihrem Leben!“ Unter diesem Wort von Ausbilderin Sabine Haupt-Scherer stand die Zertifizierung des Traumapädagogik-Weiterbildungskurses in Bielefeld am 15.9.2020. „Dein Corona-Kurs“ stand unter der Karte, die die 14 Kursteilnehmenden ihr am Ende überreichten. Und in der Tat: Corona hat diesen Kurs zu einem besonderen Kurs gemacht…

Denn dieser Kurs war anders: Schon das dritte Modul hatte unter den Vorzeichen des drohenden Lockdowns stattgefunden, die Inhalte des vierten Moduls mussten weitgehend digital vermittelt und die Abschlussprüfung und Zertifizierung in den Herbst verschoben werden. Nun hat es endlich doch live stattfinden können. Und in der Corona-Zeit wurde genau das aktiviert, worum es in dem Kurs ging: Existenzbedrohung, Angst, Stress sowie Beruhigung durch Zuwendung und Verbundenheit.

Zum 5. Mal hatten sich im Amt für Jugendarbeit 14 Teilnehmende in fünf Modulen mit Traumapädagogik auseinandergesetzt mit der Frage welche Veränderungen durch existentiell bedrohliche Beratungserfahrungen entstehen, die wir Traumata nennen, welche Folgen solch biographischer Schmerz für das Denken, Fühlen und Verhalten von Kindern und Jugendlichen hat und wie man sie unterstützen kann. Die Traumapädagogik hat sich in den letzten Jahren aus traumatherapeutischen Kontexten heraus entwickelt. Aus der Not heraus, da auch jenseits von Therapie mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen und ihren traumabasierten Verhaltensauffälligkeiten umgegangen werden muss. Traumapädagogik will helfen, traumatisierte Kinder und Jugendliche besser zu verstehen und angemessener zu begleiten. Sie hilft den Betroffenen, sich selbst besser zu verstehen und die eigenen Impulse wieder besser zu steuern. Stabilisierende, nährende und stärkende Ansätze der Pädagogik können dazu beitragen, biographischen Schmerz zu lindern und persönliches Wachstum zu fördern. „Auch wenn man das Geschehene nicht ungeschehen machen kann, und man nicht jeden retten kann (falls retten überhaupt das richtige Wort ist), so kann eine traumasensible Begleitung doch den entscheidenden Unterschied oder Wendepunkt in einem Leben darstellen. Dafür lohnt sich die Mühe, die so eine Weiterbildung auch ist“ so Sabine Haupt-Scherer.

Volker Kohlschmidt als Referent der Gewaltakademie Villigst, unter deren Dach dieser Kurs stattfand, sagte bei der Zertifizierung: „Traumapädagogik verändert den Blick auf den Menschen. Deshalb halte ich es für immens wichtig, Traumapädagogik in pädagogischen und theologischen Arbeitsfeldern zu verankern, besonders dort, wo mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird. So bin ich auch stolz, dass wir dieses Thema in der evangelischen Jugend bearbeiten und im Handlungsfeld Gewalt und Rassismus eingegliedert haben.“

Menschlichkeit entsteht in einem Gehirn, das die Chance hatte, sich auszuruhen und zu reifen – in einer Atmosphäre von Gewaltfreiheit, Sicherheit und Wertschätzung. Traumapädagogik ist zuerst eine Haltung, eine Haltung der Anerkennung von Wunden, Verhaltensauffälligkeiten und Schwierigkeiten – eine Haltung der Förderung von Sicherheit, Selbstverstehen und Selbstwirksamkeit. Sie ist darüber hinaus eine gesellschaftliche Bewegung für die Enttabuisierung von Gewalt und ihren Folgen, eine Bewegung für die Wertschätzung von Opfern und einen gesellschaftlichen Nachteilsausgleich. Sie beschreibt einen Begriff von Gerechtigkeit, der nicht darin besteht, dass alle das Gleiche bekommen, sondern dass jede und jeder das bekommt, was er oder sie braucht. 

Damit gehen 14 Teilnehmende nun engagiert in ihre Arbeitsfelder: Ev. Jugendarbeit, Trainings der Gewaltakademie, Schule, Förderschulen, Ausbildung für Lehrerinnen und Lehrer, Schulsozialarbeit, offenen Ganztag, Jobcenter und die Arbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Und ihre ersten Erfahrungen zeigen: „Auch für uns macht es einen Unterschied!“. In manchen Arbeitsfeldern kommt täglich zur Anwendung, was sie gelernt haben, andere fühlen sich im Notfall besser aufgestellt. Und alle wollen dranbleiben, an einem Thema, das sie so schnell nicht mehr loslassen wird.

Teilnehmend des Kurses: Angelika Flach-Bossert, Maria-Rosa Groer, Miriam Hähnel, Lara Hillebrand, Marita Horst Marquardt, Katrin Klingebiel, Clara Kratzsch, Julia Peter, Dr. Stephanie Roos, Petra Ruprecht, Sebastian Schroeder, Heike Springenberg, Barbara Strumann und Christina Theuerkauf-Stolz.

Sabine Haupt-Scherer

13 neue Traumapädagoginnen und Traumapädagogen zertifiziert

Amt für Jugendarbeit und Gewaltakademie Villigst zertifizieren 12 neue Traumapädagoginnen und einen Traumapädagogen

„Es wird euch brauchen, mit und nach Corona!“ – Mit diesem Satz hat Sabine Haupt-Scherer, Referentin im Amt für Jugendarbeit der EKvW am 10. Juni 13 Traumapädagog*innen nach einer 14tägigen Weiterbildung zertifiziert. Kerngeschäft der Traumapädagogik ist die Stabilisierung von Menschen nach seelischen Verletzungen, überfordernden Belastungserfahrungen, die wir Traumata nennen. 

Viele Auffälligkeiten, die in Corona-Zeiten bei Kindern und Jugendlichen beobachtet werden, lassen sich in das Spektrum einer Traumafolgestörung einordnen: Angstzustände und Zwangsstörungen, erhöhe Trennungsempfindlichkeit, depressive und aggressive Zustände, Hoffnungslosigkeit bis hin zu Suizidalität, Antriebslosigkeit, gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus und eine erhöhte Anfälligkeit für Suchterkrankungen.

Das können Folgen seelischer Erschütterungen sein, die wir Trauma nennen. Wir sind in Mark und Bein erschüttert, es hat uns aus der Bahn geworfen und den Boden unter den Füßen weggezogen, hat uns umgehauen, so dass in unserem Leben kein Stein mehr auf dem anderen steht.

Solche Erfahrungen haben viele Kinder und Jugendliche in Corona-Zeiten gemacht: von einem Tag auf den anderen vieler stabilisierenden Strukturen, Rhythmen und Beziehungen  beraubt, in Angst um sich, um das Leben der Angehörigen und Freunde, oft auch um die wirtschaftliche Existenz. Kinder erleben Eltern, die gestresst und verzweifelt sind, Erwachsene, die nicht wissen, wie es weitergeht, Regeln die unverständlich und widersprüchlich bleiben.

Traumapädagogik fragt danach, wie man nach einer solchen Erschütterung wieder Boden unter die Füße bekommen kann. Traumapädagogik will stabilisieren helfen in und nach großen Belastungen. Sie stabilisiert auf drei Ebenen: auf psychischer Ebene durch Verstehen dessen, was da in einem vorgeht, auf der Gefühlsebene durch das Erleben von Wertschätzung, Zugehörigkeit und Verbundenheit (auch da, wo körperliche Nähe gerade nicht geht), auf körperlicher Ebene durch Bewegung und Stressregulation.

Darin sind 13 neue Traumapädagog*innen jetzt geschult. Sie arbeiten mit ihren neu gewonnenen Kompetenzen u.a. in Jugendzentren, Kindergruppen, Schulen, Kinderheimen und in der Telefonseelsorge. Als Prüfungsarbeiten haben sie Materialien erarbeitet, die auch anderen helfen können: Filme,  Kinderbücher, die z.T. demnächst auf der Seite des Amtes für Jugendarbeit zugänglich gemacht werden.

Eine dieser Arbeiten ist das Kinderbuch von der Heuleule Huberta, erstellt von Jule Frielingsdorf, Jana Polljost und Patricia Overfeld.  Es erzählt die Geschichte einer kleinen Eule, die in der Eulenschule bei ihrem ersten Flugunterricht eine Panikattacke und einen Weinkrampf bekommt und gar nicht weiß, was los ist. Sie versteht sich selbst nicht mehr. Frau Rabe, ihre Pflegemutter, erklärt ihr dann, dass sie als ganz kleine Eule aus dem Nest gestoßen wurde. Glücklicherweise hatte Frau Rabe sie gefunden und aufgezogen. Jetzt hat sich Huberta beim Flugunterricht dahin zurückversetzt gefühlt. Frau Rabe hat hilfreiche Tipps, um Panik und Stress zu reduzieren und gemeinsam mit der Lehrerin schaffen sie es, dass Huberta doch noch fliegen lernt.

Das Amt für Jugendarbeit der EKvW bietet mit der Gewaltakademie Villigst jährlich die Weiterbildung in Traumapädagogik unter der Leitung von Sabine Haupt-Scherer an. Der Kurs, der in diesem Herbst beginnt, ist allerdings schon ausgebucht. Darüber hinaus findet man auf der Internetseite des Amtes für Jugendarbeit (www.juenger-westfalen.de) als kostenlosen Service für Fachkräfte Materialien, um Menschen mit seelischen Belastungen besser zu verstehen und mit ihnen zu arbeiten. Demnächst sollen hier auch Bilderbücher wie Huberta, die Heuleule zur Verfügung gestellt werden.

Sabine Haupt-Scherer

13 neue Traumapädagoginnen und Traumapädagogen zertifiziert

Amt für Jugendarbeit und Gewaltakademie Villigst zertifizieren 12 neue Traumapädagoginnen und einen Traumapädagogen

„Es wird euch brauchen, mit und nach Corona!“ – Mit diesem Satz hat Sabine Haupt-Scherer, Referentin im Amt für Jugendarbeit der EKvW am 10. Juni 13 Traumapädagog*innen nach einer 14tägigen Weiterbildung zertifiziert. Kerngeschäft der Traumapädagogik ist die Stabilisierung von Menschen nach seelischen Verletzungen, überfordernden Belastungserfahrungen, die wir Traumata nennen. 

Viele Auffälligkeiten, die in Corona-Zeiten bei Kindern und Jugendlichen beobachtet werden, lassen sich in das Spektrum einer Traumafolgestörung einordnen: Angstzustände und Zwangsstörungen, erhöhe Trennungsempfindlichkeit, depressive und aggressive Zustände, Hoffnungslosigkeit bis hin zu Suizidalität, Antriebslosigkeit, gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus und eine erhöhte Anfälligkeit für Suchterkrankungen.

Das können Folgen seelischer Erschütterungen sein, die wir Trauma nennen. Wir sind in Mark und Bein erschüttert, es hat uns aus der Bahn geworfen und den Boden unter den Füßen weggezogen, hat uns umgehauen, so dass in unserem Leben kein Stein mehr auf dem anderen steht.

Solche Erfahrungen haben viele Kinder und Jugendliche in Corona-Zeiten gemacht: von einem Tag auf den anderen vieler stabilisierenden Strukturen, Rhythmen und Beziehungen  beraubt, in Angst um sich, um das Leben der Angehörigen und Freunde, oft auch um die wirtschaftliche Existenz. Kinder erleben Eltern, die gestresst und verzweifelt sind, Erwachsene, die nicht wissen, wie es weitergeht, Regeln die unverständlich und widersprüchlich bleiben.

Traumapädagogik fragt danach, wie man nach einer solchen Erschütterung wieder Boden unter die Füße bekommen kann. Traumapädagogik will stabilisieren helfen in und nach großen Belastungen. Sie stabilisiert auf drei Ebenen: auf psychischer Ebene durch Verstehen dessen, was da in einem vorgeht, auf der Gefühlsebene durch das Erleben von Wertschätzung, Zugehörigkeit und Verbundenheit (auch da, wo körperliche Nähe gerade nicht geht), auf körperlicher Ebene durch Bewegung und Stressregulation.

Darin sind 13 neue Traumapädagog*innen jetzt geschult. Sie arbeiten mit ihren neu gewonnenen Kompetenzen u.a. in Jugendzentren, Kindergruppen, Schulen, Kinderheimen und in der Telefonseelsorge. Als Prüfungsarbeiten haben sie Materialien erarbeitet, die auch anderen helfen können: Filme,  Kinderbücher, die z.T. demnächst auf der Seite des Amtes für Jugendarbeit zugänglich gemacht werden.

Eine dieser Arbeiten ist das Kinderbuch von der Heuleule Huberta, erstellt von Jule Frielingsdorf, Jana Polljost und Patricia Overfeld.  Es erzählt die Geschichte einer kleinen Eule, die in der Eulenschule bei ihrem ersten Flugunterricht eine Panikattacke und einen Weinkrampf bekommt und gar nicht weiß, was los ist. Sie versteht sich selbst nicht mehr. Frau Rabe, ihre Pflegemutter, erklärt ihr dann, dass sie als ganz kleine Eule aus dem Nest gestoßen wurde. Glücklicherweise hatte Frau Rabe sie gefunden und aufgezogen. Jetzt hat sich Huberta beim Flugunterricht dahin zurückversetzt gefühlt. Frau Rabe hat hilfreiche Tipps, um Panik und Stress zu reduzieren und gemeinsam mit der Lehrerin schaffen sie es, dass Huberta doch noch fliegen lernt.

Das Amt für Jugendarbeit der EKvW bietet mit der Gewaltakademie Villigst jährlich die Weiterbildung in Traumapädagogik unter der Leitung von Sabine Haupt-Scherer an. Der Kurs, der in diesem Herbst beginnt, ist allerdings schon ausgebucht. Darüber hinaus findet man auf der Internetseite des Amtes für Jugendarbeit (www.juenger-westfalen.de) als kostenlosen Service für Fachkräfte Materialien, um Menschen mit seelischen Belastungen besser zu verstehen und mit ihnen zu arbeiten. Demnächst sollen hier auch Bilderbücher wie Huberta, die Heuleule zur Verfügung gestellt werden.

Sabine Haupt-Scherer

„Die Traumapädagogik hat mich verändert!“

Zertifizierung von 14 Traumapädagog*innen des Weiterbildungskurses Traumapädagogik 2022

Am 2.6.22 fand die Zertifizierung von 14 Traumapädagog*innnen durch das Amt für Jugendarbeit statt. 14 Ausbildungskandidat*innen hatten sich in 5 Modulen der Frage gestellt, was überfordernde existenzbedrohliche Stresserfahrungen mit dem Gehirn und dem Körper von Betroffenen machen und was das für Folgen für deren Denken, Fühlen und Verhalten hat. Sie einte der Wunsch, verletzte Kinderseelen sowie verletzte Seelen von Jugendlichen und Erwachsenen besser zu verstehen und ihnen besser helfen zu können. Am Ende mussten sie ihr Können in einer Hausarbeit unter Beweis gestellt und in einer Gruppenpräsentation, in der sie Hilfreiches für die traumapädagogische Arbeit präsentiert und zur Verfügung gestellt haben. Ein Kinderbuch zur Trauerarbeit mit unter Dreijährigen ist so entstanden, Konzepte zur Schulung von ehrenamtlichen Jugendmitarbeitenden und zur Schulung im Kontext Schule, ein Spiel, um über das Thema Trauma und Gewalt ins Gespräch zu kommen, eine App und eine Methodensammlung. Kolloquiumsbeisitzer Christian Weber vom Amt für Jugendarbeit zeigte sich beeindruckt. „Für manche Menschen macht ihr einen echten Unterschied in ihrem Leben!“ sagte er am Beginn der Feier.

Traumapädagogik bringt Veränderung
Ausbilderin Sabine Haupt-Scherer freute sich vor allem über die Rückmeldungen der Teilnehmenden. „Die Traumapädagogik hat vor allem mich verändert“, berichteten gleich mehrere Teilnehmende. Das sei wichtiger noch als die Erkenntnisse und Methoden, die sie mitnehmen, um Betroffene zu unterstützen. Sie würden vor allem sich selbst und Menschen in ihrem Umfeld besser verstehen. Sie seien milder und geduldiger geworden, seit sie die „Traumabrille“ aufhaben. Das Konzept des guten Grundes sei für die meisten entscheidend gewesen: immer davon auszugehen, dass Verhalten einen guten Grund hat, im System des Betroffenen einen Sinn macht, auch wenn es noch so störend und nervig sei. Daraus entstehen dann neue Perspektiven für den Kontakt und die Arbeit: Ideen, wie erschütterte Menschen wieder Boden unter die Füße bekommen können.

Drei Grundregeln der Traumapädagogik
Seelisch erschütterte Menschen brauchen vor allem drei Dinge: 1. Sicherheit, Selbstwirksamkeit und gute Beziehungserfahrungen. Erfahrungen von Sicherheit und Verlässlichkeit mildern die im Trauma erfahrene Bedrohung. 2. Selbstwirksamkeit: das Gefühl, etwas zu schaffen und verändern zu können, mildert die Ohnmachtserfahrung im Trauma. 3. Und Beziehung ist das beste Mittel gegen die Erfahrung in der traumatischen Situation mutterseelenallein ausgeliefert gewesen zu sein. In einer haltenden Beziehung kann sich ein Mensch, der am Boden zerstört ist, wieder aufrichten.

Immer wieder erzählen Teilnehmende von gelungenen Geschichten. So wurde etwa ein Heimerzieher von seinem Bezugskind gefragt, warum er schon wieder vier Tage nicht da sei. „Ich mache eine Ausbildung“, hat er geantwortet, „damit ich dich besser verstehen und dir gut helfen kann!“  Der Junge hatte daraufhin Tränen in den Augen und hat gesagt, dass er jemanden so wichtig sei, habe er noch nie erlebt. Und dann hat er gestrahlt. Dieses Strahlen auf das Gesicht dieses Jungen zu zaubern, das ist die Aufgabe, der sich die Traumapädagogik stellt. Und das ist auch die Aufgabe kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit.

Heutige Herausforderungen
Diese traumapädagogische Arbeit wird es brauchen, gerade bei den aktuellen Herausforderungen unserer Zeit. Schon in der Ausbildung ist deutlich geworden, mit wie vielen traumatisierten Kindern und Jugendlichen wir es zu tun haben. Und das wird mehr werden. Traumatische Erfahrungen sind so alt wie die Menschheit. Es sind eben nicht nur die großen Katastrophen, die Seelen erschüttern und traumatisieren. Es kann der Tod des geliebten Opas sein, der Sportunfall, die Demütigung durch Mitschüler*innen oder Lehrpersonen, die einen ein Leben lang begleiten. Es kann die Angst vor Corona sein, die Quarantäne und die Hilflosigkeit der Erwachsenen, von denen man doch Schutz erwartete.

Corona und Trauma
Durch Corona kommen alte Traumata ungefragt ans Tageslicht. Wie bei dem Mädchen, das als Kind von seiner überforderten Mutter immer wieder im Keller eingesperrt wurde und die alte Panik aus dieser Zeit im Lockdown wieder erlebt.
In Zeiten von Corona wird vermehrt von Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen gesprochen: Depressionen, vermehrte Suizidalität, Essstörungen, gestörtem Schlaf-Wach-Rhythmus, aggressiven Impulsausbrüchen, Angst- und Zwangsstörungen, Unruhezuständen. All das sind auch Kennzeichen einer Traumafolgestörung und das ist kein Zufall. Die Corona-Krise wirkt auch traumatisierend, erschüttert die Seele, wirkt wie ein Erdbeben in unserer Persönlichkeit.

Ukraine-Krieg und Trauma
Und seit Februar ist der Krieg in der Ukraine hinzugekommen, traumatisierende Bilder in den Medien und eine große Verunsicherung in der Gesellschaft. Überhaupt sind es oft die Bilder, die sich einbrennen und uns nicht mehr loslassen: Bilder von Menschen, die hilflos ausgeliefert auf der Intensivstation beatmet werden, Bilder von zerstörten Häusern in der Ukraine, Bilder von Toten und von Särgen. Bei alten Menschen tauchen Bilder von den zerstörten Städten nach dem zweiten Weltkrieg wieder auf, eine alte Frau hat schon im ersten Lockdown, als das Mehl knapp wurde, gefragt „Fallen jetzt auch wieder Bomben?“ Geflüchtete Kinder aus der Ukraine kommen zunehmend bei uns an und brauchen unsere Unterstützung.

Traumapädagogik kann eine Antwort auf diese Herausforderungen unserer Zeit sein. So hat etwa eine Teilnehmende für die Zertifizierung ein Bilderbuch entworfen, dass aus der Sicht eines Kindes erklärt, warum Oma manchmal so komisch ist, warum sie Angst hat, wenn es donnert und immer noch Lebensmittel hortet. Traumapädagogik liefert Ideen, Menschen besser zu verstehen und sie zu stabilisieren, wenn sie den Boden unter den Füßen verloren haben.

Neugierig geworden? Im Amt für Jugendarbeit kann man eine Arbeitshilfe zu Traumapädagogik bestellen gegen Versandkosten, in der ein Kapitel sich auch mit der traumapädagogischen Arbeit mit Geflüchteten befasst. Gerade geht die 10. Auflage in den Druck.

Und die Weiterbildung Traumapädagogik? Der nächste Kurs, der im Oktober beginnt, ist schon ausgebucht, der übernächste beginnt im Oktober 2023.

Schließlich: Wer Ergebnisse aus den Ausbildungskursen Traumapädagogik sehen will, kann das hier auf der Internetseite des Amtes für Jugendarbeit schauen. Dort finden sich Erklärvideos und Bilderbücher zum Thema Trauma, die Teilnehmende entwickelt und für andere zum kostenlosen Download zur Verfügung gestellt haben.

Text: Sabine Haupt-Scherer

Foto: Grita Behrens

Ansprechpartner*innen im Amt

Sabine Haupt-Scherer

Traumapädagogik

Amt für Jugendarbeit
Iserlohner Straße 25
58239 Schwerte

Jasmin Müller

Assistenz

Amt für Jugendarbeit
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