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Jugendversammlung 2023 - Klimabeschlüsse werden getroffen.

Zwischen Zukunftsangst und Hoffnung

Wie der Klimadiskurs Generationen in der Kirche zusammenbringt

Es beginnt oft nicht mit großen politischen Debatten. Sondern mit einem Satz am Küchentisch. „Warum macht ihr Erwachsenen eigentlich nicht mehr?“ fragt die Enkelin. Der Großvater fühlt sich angegriffen. Die Mutter versucht zu vermitteln. Und plötzlich wird deutlich: Die Klimakrise ist längst nicht mehr nur ein ökologisches Thema. Sie ist zu einer Frage geworden, die Familien, Generationen und auch Kirchengemeinden bewegt.

Vielleicht liegt genau darin eine Chance…

Denn dort, wo Menschen unterschiedlichen Alters einander zuhören, kann etwas entstehen, das unserer Gesellschaft gerade oft fehlt: Verständnis füreinander. Die Evangelische Kirche von Westfalen setzt deshalb auf einen „intergenerativen Klimadiskurs“ – einen bewussten Dialog zwischen jungen und älteren Menschen über Verantwortung, Zukunftsängste und gemeinsame Handlungsmöglichkeiten.

Das klingt zunächst sperrig. Dahinter steckt jedoch etwas sehr Einfaches: miteinander reden, statt übereinander zu urteilen.

Junge Menschen erleben die Klimakrise mit einer besonderen Dringlichkeit. Viele wachsen mit dem Gefühl auf, dass ihre Zukunft unsicher geworden ist. Hitzesommer, Waldbrände, Überschwemmungen – die Nachrichten wirken nicht mehr wie ferne Warnungen, sondern wie Vorboten einer Realität, die längst begonnen hat. Studien zeigen, dass die Mehrheit junger Menschen den Klimawandel als ernste Bedrohung wahrnimmt. Gleichzeitig fühlen sich viele von Politik und Gesellschaft nicht ausreichend gehört.

„Ich mache mir Sorgen um die Zukunft, weil wir gerade dabei sind, einen unersetzbaren Schatz – die Natur, diesen Planeten – unwiderruflich zu zerstören“, sagt die 19-jährige Anna Lena, die einen Freiwilligendienst in einem Jugend- und Sozialzentrum gemacht hat. Ihre Worte stehen stellvertretend für viele junge Menschen, die sich nicht länger vertrösten lassen wollen.

Ältere Generationen wiederum erleben die Debatte oft anders. Manche fühlen sich durch pauschale Vorwürfe verletzt oder überfordert. Andere fragen sich ehrlich, ob sie genug getan haben. Viele haben gesellschaftliche Umbrüche erlebt, kennen die Mühen von Veränderungsprozessen und wissen: Wandel braucht nicht nur Leidenschaft, sondern auch Geduld, Strukturen und manchmal Kompromisse.

Gerade deshalb braucht es Räume, in denen beide Perspektiven nebeneinanderstehen dürfen.

Kirche kann ein solcher Raum sein.

Denn kaum ein anderer Ort bringt Menschen so selbstverständlich über Generationen hinweg zusammen: Jugendliche und Seniorinnen im Gottesdienst, Familien beim Gemeindefest, Ehrenamtliche in Ausschüssen oder Presbyterien. Hier begegnen sich Lebenserfahrung und Zukunftsfragen. Hier kann ein Gespräch beginnen, das nicht auf Schuldzuweisungen setzt, sondern auf gemeinsames Lernen.

Dabei geht es um weit mehr als um Heizungen, Mülltrennung oder Photovoltaik auf Kirchendächern. Es geht um die Frage, wie wir leben wollen. Und um die alte biblische Ahnung, dass diese Welt uns nicht gehört, sondern anvertraut ist.

„Wir besitzen die Erde nicht, wir sind ihre Verwalter“, heißt es in der neuen Handreichung der EKvW zum intergenerativen Klimadiskurs. Darin wird deutlich: Klimaschutz ist für die Kirche nicht einfach ein politisches Zusatzthema. Er berührt den Kern christlicher Verantwortung – die Bewahrung der Schöpfung.

Für Ulrike Hermes, Referentin im Amt für Jugendarbeit, ist genau das entscheidend. „Immer deutlicher spüre ich, dass die Zeit drängt und wir nicht länger wegschauen dürfen“, sagt sie. Die Klimakrise sei längst keine ferne Bedrohung mehr, sondern bereits heute bittere Realität. Als Christin empfinde sie deshalb Verantwortung dafür, „den nachfolgenden Generationen eine Welt zu hinterlassen, auf der ein gutes Leben möglich ist“.

Diese Haltung prägt auch die Idee des intergenerativen Dialogs. Denn wer über Klimaschutz spricht, spricht immer auch über Gerechtigkeit, Verantwortung und die Frage, wie Menschen miteinander leben wollen.

Bemerkenswert ist dabei, dass die Initiative wesentlich von jungen Menschen ausging. Die Evangelische Jugend von Westfalen brachte das Thema in die Landessynode ein. Dort wurde der Wunsch nach einem generationenübergreifenden Austausch ausdrücklich unterstützt. Ein wichtiges Signal. Denn junge Menschen wollen nicht nur appellieren. Sie wollen mitgestalten.

Und tatsächlich entstehen vielerorts bereits kreative Formen dieses Miteinanders. In Gemeinden werden Repair-Cafés organisiert, in denen Jugendliche und Ältere gemeinsam Alltagsgegenstände reparieren. Andere Gemeinden legen Klimagärten an oder beteiligen sich an ökumenischen Fahrradaktionen und Stadtradeln-Initiativen. Auch sogenannte Klima-Pilgerwege gewinnen an Bedeutung: Menschen verschiedener Generationen machen sich gemeinsam auf den Weg, kommen ins Gespräch und verbinden Glauben, Bewegung und Schöpfungsverantwortung miteinander.

Besonders erfolgreich sind Projekte dort, wo Jung und Alt gemeinsam Verantwortung übernehmen. So entstehen in einigen Kirchenkreisen generationsübergreifende Klima-Teams, die sich um nachhaltige Beschaffung, Energiefragen oder Bildungsangebote kümmern. Aus Diskussionen werden konkrete Schritte.

„Es braucht uns alle – Alt und Jung – denn jeder kann etwas tun, auch mit kleinen Schritten“, sagt Merit, 19 Jahre alt die einen Freiwilligendienst an einer evangelischen Gesamtschule in Gelsenkirchen absolviert hat. „Wir werden nicht alles retten können, aber trotzdem dürfen wir nicht tatenlos zusehen.“

In solchen Sätzen liegt eine erstaunliche Kraft. Keine Resignation. Sondern der Wunsch, Verantwortung gemeinsam zu tragen.

Manchmal entstehen daraus überraschende Erkenntnisse.

Etwa wenn Jugendliche entdecken, dass Nachhaltigkeit für viele ältere Menschen früher schlicht Alltag war. Oder wenn Ältere verstehen, dass hinter dem Protest junger Menschen nicht moralische Überheblichkeit steckt, sondern echte Sorge.

„Es geht um Zukunftsängste, nicht um Vorwürfe“, beschreibt es Landesjugendpfarrer Christian Uhlstein treffend. Genau dieser Perspektivwechsel kann Brücken bauen.

Dabei muss der Dialog nicht immer schwer und konfliktreich sein. Er darf auch Freude machen. Gemeinsam einen Klimagarten anlegen. Bäume pflanzen. Pilgern. Ideen spinnen. Kirche als Ort erleben, an dem Hoffnung konkret wird.

Denn Hoffnung entsteht selten dadurch, dass Probleme kleingeredet werden. Hoffnung wächst dort, wo Menschen merken: Ich bin nicht allein. Wir können etwas tun. Gemeinsam.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke des intergenerativen Klimadiskurses. Er verbindet, was gesellschaftlich oft gegeneinander ausgespielt wird: die Ungeduld der Jugend und die Erfahrung der Älteren. Die Sehnsucht nach Veränderung und die Fähigkeit, Verantwortung langfristig zu tragen.

In einer Zeit, in der Debatten schnell laut und polarisiert werden, könnte die Kirche damit etwas Kostbares anbieten: Räume des Zuhörens.

Die Klimakrise wird nicht verschwinden. Aber vielleicht verändert sich die Art, wie wir ihr begegnen. Nicht als Konkurrenten unterschiedlicher Generationen. Sondern als Menschen, die dieselbe Erde teilen – und dieselbe Hoffnung.

Oder, um es mit einem afrikanischen Sprichwort zu sagen:
„Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“